{"id":1088,"date":"2012-10-06T16:00:05","date_gmt":"2012-10-06T14:00:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=1088"},"modified":"2024-09-29T15:26:22","modified_gmt":"2024-09-29T13:26:22","slug":"dramenverdachtiger-roman","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/1088","title":{"rendered":"Dramenverd\u00e4chtiger Roman"},"content":{"rendered":"<p>Es muss eine seltsame Romantik sein, der Victor Hugo zuzuordnen ist, eine franz\u00f6sische eben, die sich nicht gerade in Rittertum und Wandergeschichten nach dem Vorbild des Wilhelm Meister von Goethe ersch\u00f6pft. Man kann sie aber wiedererkennen an dem verzweifelten Versuch etwas Dramatisches auf die Beine zu stellen und an der B\u00fchne kl\u00e4glich zu scheitern. Trotzdem ist dieser Gedichtschreiber und Romanautor verehrt, wie es bei uns f\u00fcr Goethe \u00fcblich geworden ist.<!--more--> Du hast mir aus seinem Romanschaffen &#8222;Die lachende Maske&#8220; empfohlen, die man heute nur noch in \u00e4lteren Ausgaben der sechziger Jahre findet, denn Hugo wurde in der DDR verehrt als zwar widerspr\u00fcchliche Gestalt des 19. Jahrhunderts, der den Besitz zwar notwendig befand, aber dessen Verwendung f\u00fcr gemeinn\u00fctzige Zwecke er im Vordergrund sah.<br \/>\nDiese Ideale, die er sich zurechtgelegt hatte, stellte er \u00fcberwiegend in historischen Romanen dar und ein solcher ist auch die lachende Maske. Der Roman nimmt die Handlung auf mit dem Zur\u00fccksto\u00dfen eines Jungen von etwa zehn Jahren bei der Abfahrt eines Schiffes, mit dem sog. Comprachicos einige Jahre nach der englischen Revolution zu fliehen versuchen. Das waren Verbrecher, die Kinder verst\u00fcmmelten, um sie auf Jahrm\u00e4rkten auszustellen, und denen der Boden in England, das inzwischen eine Restauration erlebt hatte, zu hei\u00df wurde. Der Halb\u00adw\u00fcchsi\u00adge muss sich nun in Schnee und Eis eine Bleibe suchen und findet unterwegs noch ein Baby bei einer toten und schon halb im Schnee vergrabenen Frau.<br \/>\nBeide kommen bei einem fahrenden Philosophen Ursus unter, der einen kleinen Wohnwagen besitzt und sein Leben mit einem zahmen Wolf teilt. Ursus bemerkt, dass es sich bei dem Kind um so ein entstelltes handelt, auf dessen Antlitz ein ewiges Grinsen liegt, das die \u00c4rmsten, die dann zu Zuschauern der von Ursus entworfenen St\u00fccke werden, selbst immer in Heiterkeit ausbrechen l\u00e4sst, so ernst die dargestellte Geschichte auch sein mag. F\u00fcnfzehn Jahre sp\u00e4ter, als das Baby zu einer reizenden Sechzehnj\u00e4hrigen herangewachsen ist und Gwynplaine, der Junge, zu einem jungen Mann, bilden die vier (den Wolf mitgerechnet) eine eintr\u00e4gliche Compagnie, die durch die Orte tingelt und \u00fcberall gro\u00dfen Erfolg hat, so dass es fast als Gl\u00fcck erscheint, dass die Comprachicos den Jungen so entstellt haben.<br \/>\nDann unternimmt der Autor einen Ausflug in das K\u00f6nigshaus, wo die K\u00f6nigin Anna regiert (es ist der Beginn des 17. Jahrhunderts). Auch wird das Schicksal eines Pairs beleuchtet, der mit den Republikanischen sympathisiert hatte und statt die Restauration mitzumachen, lieber in ein Exil ging und dort noch eine legitime Frau ehelichte. Mit legitimen und illegitimen Nachfolgern gibt es dann auch einige Verwicklungen, weil sowohl der K\u00f6nig einige Bastarde in die Welt gesetzt hatte, eine ist die Herzogin Josiane, sondern auch der emigrierte Lord mit Pairsw\u00fcrde, der inzwischen verstorben war, einen illegitimen Sohn hatte und die beiden in England einander versprochen waren. Sowohl die K\u00f6nigin als auch ihre Halbschwester Josiane hatten einen verschlagenen Berater, der vor allem Josiane auf jede Weise schaden wollte. Von der K\u00f6nigin hatte er das Privileg des Flaschenpost\u00f6ffnens erhalten und in einem romanhaften Vorkommnis wurde nun just die Flaschenpost gefunden, die die reuigen S\u00fcnder auf dem Schiff nach einem verheerenden Sturm verfasst hatten, eben von diesem Schiff, mit dem der Junge nicht hatte mitfahren d\u00fcrfen.<br \/>\nDiese Flaschenpost enthielt die Nachricht, dass der verst\u00fcmmelte Gwynplain der rechtm\u00e4\u00dfige Nachfahre des renitenten und emigrierten Pairs war und man ihn hat entstellen lassen, dass man die Pairsw\u00fcrde, die den K\u00f6nigen ohnehin immer ein Dorn im Auge war, auf diese Weise versie\u00adgen lassen k\u00f6nnte. Nun aber ergab sich f\u00fcr den Berater der Hoheiten und die K\u00f6nigin selbst die neue M\u00f6glichkeit sich an Josiane zu r\u00e4chen, Gwynplaine wieder in seine Ehren einzusetzen und ihn Josiane anstelle seines Halbbruders, den illegitimen Sohn des verstorbenen Exil-Pairs, Josiane zu versprechen und sie somit mit einem Ungeheuer zu verheiraten. Josiane hatte Gwynplaine aber schon mal in einer Vorstellung erlebt, sich stante pede in ihn verliebt und wollte gerade ihrer Neigung nachgeben, sich an einen Subalternen wegzuwerfen und ihre Jungfr\u00e4ulichkeit dreinzu\u00adgeben. Gwynplaine war aber in das zur Sch\u00f6nheit herangewachsene Findelkind Dea verliebt, diese Liebe war aber von \u00e4therischer Art geblieben, w\u00e4hrend ihn die Herzogin Josiane durch ihren Besuch in der Schaubude gr\u00fcndlich verwirrt hatte.<br \/>\nGwynplaine, der sein Leben lang das einfache Volk unterhalten hatte und diesem verbunden war, wurde nun aber in Versuchung gef\u00fchrt, forthin das Leben eines reichen Pairs zu f\u00fchren und schl\u00e4gt ein, als ihm das Schicksal daf\u00fcr die Hand bietet, vergisst also auch auf einen Moment seine Liebe zu der blinden Dea. Eigentlich schwebt er nur zwei Tage in diesen H\u00f6hen, aber das gen\u00fcgt, dass Dea dem Tode nahe kommt und sie tats\u00e4chlich stirbt, als er sich endlich entschlie\u00dft, doch wieder zu ihr und seinem alten Leben zur\u00fcckzukehren. In diesen zwei Tagen erlebt er nicht nur, wie sich Josiane in dem Moment von ihm abwendet, als sie erf\u00e4hrt, dass er gar kein subalternes Ungeheuer mehr ist, sie also die Standesgrenzen mit ihm gar nicht \u00fcberschreiten kann, sondern auch, wie das Oberhaus ihn auslacht, als er zu einer flammenden Rede zugunsten der Armen und Entrechteten anhebt, aber seine Erscheinung eine weitaus dramatischere Wirkung hat, als auf das Volk, wo die Heiterkeit in Anbetracht der sonstigen Aussichtslosigkeit eher legi\u00adtimiert ist, er im Oberhaus erst richtig zum Hanswurst wird.<br \/>\nUrsus und sein verbliebener Anhang waren inzwischen auf Betreiben der Intriganten des Landes verwiesen worden, aber Gwynplaine gelangt noch auf deren Schiff nach Rotterdam, kommt aber gerade nur noch recht, um Dea sterben zu sehen und nimmt sich dann selbst das Leben, indem er sich ins Wasser st\u00fcrzt.<br \/>\nAls ich dieses Ende las, kam mir sofort der Gedanke, dass das eher der Stoff f\u00fcr ein Drama sei, als f\u00fcr einen Roman. Einzig die Detailverliebtheit des Autors l\u00e4sst ein solches Vorhaben als aberwitzig erscheinen, denn er beschreibt die Inauguration eines Pairs in das Oberhaus so, als w\u00e4re er des \u00d6fteren bei solchen Zeremonien dabei gewesen. Und die Schaub\u00fchne als Theater im Theater w\u00e4re auch ein etwas aussichtsloses Unterfangen, so dass man den Hugo wohl ruhen lassen muss oder der Generationen harren, die ihn vielleicht mal wieder ausgraben und seinen innerlichsten Wunsch wahr machen, dass es eigentlich h\u00e4tte ein Drama werden sollen.<br \/>\n<em>C.R. 29.9.2012<br \/>\nwww.gedichtladen.de<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es muss eine seltsame Romantik sein, der Victor Hugo zuzuordnen ist, eine franz\u00f6sische eben, die sich nicht gerade in Rittertum und Wandergeschichten nach dem Vorbild des Wilhelm Meister von Goethe ersch\u00f6pft. 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