{"id":1067,"date":"2012-09-07T12:23:19","date_gmt":"2012-09-07T10:23:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=1067"},"modified":"2024-09-29T15:26:53","modified_gmt":"2024-09-29T13:26:53","slug":"hommage-an-das-konigtum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/1067","title":{"rendered":"Hommage an das K\u00f6nigtum"},"content":{"rendered":"<p>Das schmale Werk von Novalis aus dem Jahre 1798 &#8222;Glauben und Liebe oder Der K\u00f6nig und die K\u00f6nigin&#8220;, das, wie bei den Fr\u00fchromantikern \u00fcblich, nicht mehr als eine Fragmentsammlung sein m\u00f6chte, rief bei dem frischgek\u00fcrten Monarchen miesepetrige Stimmung hervor und die preu\u00dfische Zensur erteilte dann auch eine Abfuhr. Friedrich Wilhelm III. war ja gl\u00fccklich verheiratet, aber m\u00f6chte man da als erstes gleich mal gesagt kriegen: &#8222;Mehr als ein K\u00f6nigreich gab der Himmel Dir in Luisen.&#8220;?<!--more--><br \/>\nDer K\u00f6nig hatte offenbar keine Lust auf die &#8222;Tropen- und R\u00e4tselsprache&#8220; des Wei\u00dfenfelser Dichters Friedrich von Hardenberg, wie Novalis damals noch hie\u00df. Falls er Novalis nicht verst\u00fcnde, so sei er eben ein &#8222;Profaner&#8220;, der von dieser Rede ausgeschlossen bliebe, andernfalls sei er ein &#8222;Eingeweihter&#8220;, wie Novalis selbst festlegt.<br \/>\nNovalis wollte Preu\u00dfen zu einem Musterl\u00e4ndle gestalten, &#8222;ein Land, das Herz und Geist befriedigt&#8220;, sollte eine deutsche Erfindung werden und der Erfinder der &#8222;K\u00f6nig aller Erfinder&#8220;. Das Land soll derart beschaffen sein, dass &#8222;der Bauer lieber ein St\u00fcck verschimmelt Brot \u00e4\u00dfe, als Braten in einer anderen [Regierung], und Gott f\u00fcr das Gl\u00fcck herzlich dankte, in diesem Land geboren zu sein&#8220;.<br \/>\n&#8222;W\u00e4re ich [Novalis] morgen F\u00fcrst, so b\u00e4t ich zuerst den K\u00f6nig um einen Eudiometer [Luft\u00adg\u00fcte\u00admesser] wie den seinigen.&#8220; Die gute Luft ist hier nat\u00fcrlich eine Umschreibung sowohl f\u00fcr gesellschaftliches Klima als auch f\u00fcr \u00f6kologische Geldquellen (&#8222;Lebensluft f\u00fcr meinen Staat mehr aus bl\u00fchenden Pflanzungen als aus Salpeter zu ziehen suchen&#8220;).<br \/>\nMan hat in Novalis Werk republikanische Gesinnung hineininterpretiert. F\u00fcr mich geht aber klar hervor, dass er monarchisch gesinnt ist, wobei er dem K\u00f6nigspaar genaue Rollen zuschreibt. &#8222;Ein wahrhaftes K\u00f6nigspaar ist f\u00fcr den ganzen Menschen, was eine Konstitution [Verfassung] f\u00fcr den blo\u00dfen Verstand ist.&#8220; &#8222;Was ist ein Gesetz, wenn es nicht Ausdruck des Willens einer geliebten, achtungswerten Person ist?&#8220; Der mystische Souver\u00e4n bed\u00fcrfe eines Symbols, und welches Symbol sei wohl w\u00fcrdiger und passender als ein liebensw\u00fcrdiger trefflicher Mensch? Weiter schreibt er, an kollektive F\u00fchrungsgremien gemahnend: &#8222;\u2026 und ist nicht ein Mensch ein k\u00fcrzerer, sch\u00f6nerer Ausdruck des Geistes als ein Kollegium?&#8220;<br \/>\nEinen Ausflug ins Schillersche erlaubt sich Novalis, als er die Rolle der K\u00f6nigin beschreibt, die keinen politischen, dagegen einen h\u00e4uslichen Wirkungskreis im Gro\u00dfen h\u00e4tte (Schillers Glocke: &#8222;Drinnen waltet die z\u00fcchtige Hausfrau&#8220;). Dieser Hausstand sei dann Vorbild f\u00fcr eine Kopie durch den Adel und diese wiederum f\u00fcr jeden im Lande. Sittsam soll es n\u00e4mlich auch zugehen, und der Ma\u00dfstab ist das Wohlbefinden der K\u00f6nigin, der es in einer heutigen Stadt auch nicht allzu gut ginge: &#8222;Sollte der K\u00f6nigin nicht beim Eintritt in eine Stadt schaudern, wo die tiefste Herabw\u00fcrdigung ihres Geschlechts ein \u00f6ffentliches Gewerbe ist?&#8220;<br \/>\nNeben der pers\u00f6nlichen Verstimmung des Monarchen, weil ihm der Dichter zu nahe getreten ist, mag die Zensur auf die Reizworte Revolution und Republik angesprungen sein. Bez\u00fcglich der Revolution ist tr\u00f6stlich, dass der Dichter wenigstens kein permanentes derartiges Fieber und kei\u00adne dauerhafte Krisis f\u00fcr gut h\u00e4lt. Bez\u00fcglich der Republik wird Novalis ein bisschen pro\u00adphe\u00adtisch, wenn er sagt: &#8222;Es wird eine Zeit kommen, und das bald, wo man allgemein \u00fcberzeugt sein wird, dass kein K\u00f6nig ohne Republik und keine Republik ohne K\u00f6nig bestehen k\u00f6nne, dass beide so unteilbar sind wie K\u00f6rper und Seele und dass ein K\u00f6nig ohne Republik und eine Repu\u00adblik ohne K\u00f6nig nur Worte ohne Bedeutung sind.&#8220; Nun haben wir ja die Bundesrepublik, doch wo ist denn der K\u00f6nig geblieben? Sind denn Kanzlerin und Bundespr\u00e4sident da ein probater Ersatz?<br \/>\nNicht nur, dass Novalis die &#8222;Wahl&#8220; durch Geburt f\u00fcr geeignet h\u00e4lt, weil er das als die einzige M\u00f6glichkeit sieht in die Machtposition hineinzuwachsen ohne dann gleich den Kopf zu verlieren, wenn man sie dann \u00fcbernimmt. Auch w\u00e4re ein K\u00f6nigspaar sehr motivierend: &#8222;Ein Brief, ein Bild der K\u00f6nigin; das w\u00e4ren Orden, Auszeichnungen der h\u00f6chsten Art; Auszeichnungen, die zu den ausgezeichnetesten Taten entz\u00fcndeten.&#8220;<br \/>\nAuch moniert Novalis, dass es ein gro\u00dfer Fehler w\u00e4re, dass der Staat zu wenig sichtbar ist. &#8222;Lie\u00dfen sich nicht Abzeichen und Uniformen durchaus einf\u00fchren?&#8220; Inzwischen, \u00fcber zweihun\u00addert Jahre sp\u00e4ter, haben wir nicht nur keinen K\u00f6nig mehr, sondern hatten auch genug Versuche, den Staat sichtbar zu machen, sei es in HJ und SA Uniformen, sei es in Flaggen, Transparenten, Pioniert\u00fcchern, FDJ-Hemden und Parteiabzeichen. Heute flaggt jedes M\u00f6belhaus und jede Firma, so dass es kein Ereignis mehr ist, wenn dazwischen mal irgendwo eine schwarz-rot-goldene flattert. Patriotismus beschr\u00e4nkt sich auf den Fu\u00dfball, wo dann aller zwei Jahre Balkone und Automobile mit F\u00e4hnchen geschm\u00fcckt werden, die, solange die eigene Mannschaft noch im Spiel ist, einen Hauch von Nationalstolz bieten.<br \/>\nDie heute Herrschenden taugen nicht zum brieflichen Austausch, sie taugen auch nicht als Vorbild h\u00e4uslicher und tugendhafter Gesinnung. Da wir eine Republik ohne K\u00f6nig haben, ist Bundesrepublik ein Wort ohne Bedeutung, und die Gesetze sind nicht Ausdruck des Willens einer geliebten und achtenswerten Person. Preu\u00dfen, das Deutschland von oben geeinigt hat, ist nicht zu dem Musterstaat geworden, der eine deutsche Erfindung hatte werden sollen und wir essen nicht das verschimmelte Brot mit Stolz darauf in Deutschland geboren zu sein.<br \/>\nWie viel von Novalis Utopie ist so in Vergessenheit geraten. Ein K\u00f6nigspaar muss dringendst her.<\/p>\n<p>\n<em>C.R. 6.9.2012<br \/>\nwww.gedichtladen.de<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das schmale Werk von Novalis aus dem Jahre 1798 &#8222;Glauben und Liebe oder Der K\u00f6nig und die K\u00f6nigin&#8220;, das, wie bei den Fr\u00fchromantikern \u00fcblich, nicht mehr als eine Fragmentsammlung sein m\u00f6chte, rief bei dem frischgek\u00fcrten Monarchen miesepetrige Stimmung hervor und&#8230;<br \/><a class=\"read-more-button\" href=\"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/1067\">Mehr Lesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7,9],"tags":[],"class_list":["post-1067","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-leseproben","category-rezensionen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1067","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1067"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1067\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4412,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1067\/revisions\/4412"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1067"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1067"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1067"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}