{"id":1065,"date":"2012-09-07T12:22:08","date_gmt":"2012-09-07T10:22:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=1065"},"modified":"2024-09-29T15:27:07","modified_gmt":"2024-09-29T13:27:07","slug":"verwandt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/1065","title":{"rendered":"Verwandt"},"content":{"rendered":"<p>Fast in einem Zug las ich das Buch von Roman Preist, einem schizophrenen Biophysiker, das den Titel tr\u00e4gt &#8222;Mein Leben in zwei Welten&#8220;, zun\u00e4chst bei dtv erschienen und jetzt noch einmal vom Paranus Verlag herausgebracht. Eine Ironie des Schicksals ist es wohl, dass er in seinen ersten Jahren als Wissenschaftler die Aussch\u00fcttung von Stresshormonen an Nebennierenzellen untersuchte und ihm dabei im Labor eines deutschen Nobelpreistr\u00e4gers eine beachtliche Ent\u00addeckung gelang,<!--more--> n\u00e4mlich die Reaktion der Nebennieren, die es produzieren, an einzelnen Zellen nachweisen zu k\u00f6nnen. Wie er dieses Leben beschreibt, das eigentlich nur aus Arbeiten besteht, hat es mich sehr an meine eigene Zeit als Wissenschaftler erinnert. Jedenfalls hatte er nach einiger Zeit der Untersuchungen an Stresshormonen selbst Stress genug.<br \/>\nDer Autor, der solange alles glatt l\u00e4uft, in der Ich-Form schreibt und dann bei seinem ersten Durchdreher zur Er-Form \u00fcbergeht, manchmal sogar in die Sie-Form wechselt, stammt aus l\u00e4ndlichen Verh\u00e4ltnissen, wo er als Nachz\u00fcgler einer mehrk\u00f6pfigen Familie als Sohn eines promovierten Agronoms aufw\u00e4chst, die Mutter allerdings den Ton angibt. Obwohl der Vater ein hohes gesellschaftliches Ansehen genie\u00dft, lebt er zu Hause allein, in die obere Etage zur\u00fcckge\u00adzogen und ergibt sich dort dem Rauchen und dem Alkoholgenuss und die Mutter belegt allein das Ehebett und f\u00fchrt den Haushalt. Nat\u00fcrlich ist die Mutter sehr stolz auf ihren Sohn, der die wis\u00adsen\u00adschaftliche Laufbahn eingeschlagen hat und nach dem Erfolgsrezept verfahren ist, dass er sich an das Labor eines Wissenschaftlers begeben hat, der gerade Nobelpreistr\u00e4ger geworden ist und seine Abteilung so im Rampenlicht steht, dass jeder, der dort mitarbeiten darf, auch ein biss\u00adchen von dem Ruhm des Nobelpreistr\u00e4gers abbekommt.<br \/>\nVor seinem Studium versuchte sich Roman bei der Bundeswehr als Mann zu beweisen, indem er Fallschirmspringer wurde, was einen ziemlichen Drill mit sich brachte und er auch unwahr\u00adschein\u00adliche \u00c4ngste ausstand, als es dann ans Springen ging.<br \/>\nJeder Schizophrene hat ein mehr oder weniger interessantes Problem und seins bestand wohl darin, dass er sich als Frau f\u00fchlte. Man kann sich da schwer hineindenken, wenn man als klein\u00adw\u00fcchsiger Mann mit femininen Z\u00fcgen streckenweise nichts mehr f\u00fchlt zwischen den Beinen und sich der Penis scheinbar als Vagina nach innen st\u00fclpt und man das Gef\u00fchl hat, dass man einen Busen h\u00e4tte, dass man hin und wieder sich mit Frauenkleidern drapiert, aber er steigert sich in diese als Schuld empfundene Vorstellung, dass sich daraus ein Verfolgungswahn ergibt, eine freudsche Kastrationsangst.<br \/>\nAls er sich auf einer Studienreise in Madrid befindet, kommt die Krankheit zum Ausbruch. Vor seiner Abreise hatte er noch eine Freundin kennengelernt (Lucille), die wohl so sch\u00f6n und begehrenswert war, dass er sein weiteres Leben gern mit ihr verbracht h\u00e4tte. Sie hatte ihm Hermann Hesses Buch &#8222;Narziss und Goldmund&#8220; mitgegeben und dazu gesagt, dass sie Goldmund sei. Dieser f\u00fchrt in dem Buch aber ein sinnenfrohes ausschweifendes Leben und er schloss nun wagemutig, dass sie es mit der Treue nicht genau n\u00e4hme. Zwar war es eigentlich um seine Treue nicht gut bestellt, denn er tr\u00f6stete sich mit Freudenm\u00e4dchen, aber der Ausl\u00f6ser war eben die Vorstellung ihrer Untreue, was ich nun wieder gut nachvollziehen kann. Ein kleines d\u00e9j\u00e0 vu war wieder, dass ich selbst diesen Roman unl\u00e4ngst gelesen hatte und ihn f\u00fcr eine Ausgeburt der sexuellen Phantasien Hesses hielt.<br \/>\nDie durchg\u00e4ngige Motivation der schizophrenen St\u00f6rung ist eine Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung, denn man nimmt in seinen Verfolgungswahnvorstellungen an, das sich die ganze Umwelt gegen einen verschworen hat und sich alles um einen selbst dreht. Er selbst h\u00e4lt die Untreue f\u00fcr sich f\u00fcr ein Kavaliersdelikt, w\u00e4hrend er dasselbe seiner Freundin nicht zugesteht. Wie kann man einen derar\u00adtigen verschrobenen Egoismus motivieren? Da hat er eine Rolle parat, die bei seinen wissen\u00adschaft\u00ad\u00adli\u00adchen Bemerkungen als gesellschaftliche Funktion allerdings in urgesellschaftlicher Form definierbar ist, dass sich der Wahnsinnige als Detektor f\u00fcr Gefahren eignet, dass er einen ge\u00adsch\u00e4rften &#8222;Warnsinn&#8220; h\u00e4tte, weil seine Filter immer weiter ge\u00f6ffnet sind als bei normalen Men\u00adschen und er schneller assoziieren kann. Durch den Austausch eines einzigen Buchstaben kann man also den als Last empfundenen Wahnsinn zum n\u00fctzlichen Warnsinn machen.<br \/>\nDas Buch ist fl\u00fcssig und interessant geschrieben. Wahrscheinlich ist es ein Privileg der Er\u00adkank\u00adten, die auch schreiben k\u00f6nnen, dass sie diese Vorg\u00e4nge einigerma\u00dfen fassbar machen k\u00f6n\u00adnen, und er pr\u00e4gt auch einen interessanten Begriff, n\u00e4mlich den der semantischen Bahnung, die bei den mir bekannten Dichtern etwas passiver als Bedeutungsh\u00f6fe zum Schlagwort geworden sind. Aufgrund \u00fcberragender Assoziationsgabe kann der Verr\u00fcckte zum Beispiel wei\u00df mit Absturz in Verbindung bringen, was jedem als unmotiviert erscheinen wird, aber die Kette k\u00f6nnte zum Beispiel gewesen sein: wei\u00df, Schnee, Mount Everest, Reinhold Messner, Bruder, Absturz. Es kann eben als eine gewisse Genialit\u00e4t gelten, aber in der Regel wird die Umwelt auf das Ergebnis solcher Ketten mit Unverst\u00e4ndnis reagieren.<br \/>\nEin anderes Beispiel eines solchen Wortspiels, das wiederum auch von mir verwendet wurde und ich sogar mit einer N\u00e4hmaschine in der Ergotherapie auf einen Stoffstreifen gen\u00e4ht habe, ist Veni, Vidi, Vinci (kam, sah und siegte), was ihn \u00fcber den Wein auf Leonardo da Vinci gebracht hat, indem er die variierte: Veni, Vino, Vinci. Da kann man sich dann schon mal Gedanken ma\u00adchen, warum das Universalgenie da Vinci immer in Spiegelschrift geschrieben hat. Dieses Bei-spiel mag sogar ein bisschen primitiv anmuten, aber dem Gest\u00f6rten erschlie\u00dfen sich ganze Wel-ten voll tiefsinnigster Bedeutung und er baut ganze Systeme, die sich nach Abklingen des Schu-bes und Sichtung dieser &#8222;Werke&#8220; als ausgesprochen l\u00e4cherlich und banal herausstellen.<br \/>\nDer Autor f\u00fchrt uns ein Leben mit der Krankheit und letztlich ein privates Gl\u00fcck mit Frau, Nachwuchs, Haus und Garten vor, aber den Ursprung w\u00fcrde ich nach wie vor daran festmachen, dass es keine gesellschaftliche Aufgabe, kein echtes Ziel mehr, weder f\u00fcr die Normalen noch die \u00fcbersensibilisierten Warner mehr gibt. Die Quelle des Wahnsinns ist \u00fcberwiegend eine gesell\u00adschaftliche und wenn man bedenkt, zu welchem rapiden Anstieg psychischer St\u00f6rungen die Wen-de gef\u00fchrt hat, so war das nicht nur das Wegbrechen des Sozialismus, sondern f\u00fcr die empfind-lichsten Gem\u00fcter die Ankunft in einer sinnlosen Gesellschaft. Einige wurden f\u00fcr Millionen ande-rer verr\u00fcckt und einige haben auch wirklich sogar ihrem Leben ein Ende gesetzt.<\/p>\n<p>\n<em>C.R. 21.8.2012<br \/>\nwww.gedichtladen.de<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fast in einem Zug las ich das Buch von Roman Preist, einem schizophrenen Biophysiker, das den Titel tr\u00e4gt &#8222;Mein Leben in zwei Welten&#8220;, zun\u00e4chst bei dtv erschienen und jetzt noch einmal vom Paranus Verlag herausgebracht. 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