{"id":1054,"date":"2012-08-26T12:14:40","date_gmt":"2012-08-26T10:14:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=1054"},"modified":"2023-12-08T23:00:25","modified_gmt":"2023-12-08T21:00:25","slug":"kolumne-kw35-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/1054","title":{"rendered":"Kolumne KW35"},"content":{"rendered":"<p><strong>Dichterseminar<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir 14 UnDichter trafen uns zu einem Semi\u00adnar auf dem Campingplatz &#8222;Sonnenland&#8220; nahe Moritzburg. Die meisten waren eigens aus Berlin angereist. Der Tagungsort war ein Bungalow, in dem die Mehrheit wohn\u00adte, w\u00e4h\u00ad\u00adrend es einige vorzogen zu zelten. Die Eindr\u00fccke der Mitstreiter reichen von &#8222;wunderbar&#8220; \u00fcber &#8222;war doch sehr interes\u00adsant&#8220; bis zu &#8222;ziemlich verbummelt&#8220;. Selten waren wirklich alle dabei und wem nicht danach war, N\u00e4chtens nachzuholen, was am Tage verpasst wurde, hat einiges verpasst.<!--more--> Liane machte am Freitag gleich den Anfang, was ja immer bedeutet, dass man sich am meisten den noch scharfgeschliffenen Klingen der Kritik aussetzt. Erfahrungsgem\u00e4\u00df l\u00e4sst die Kritikfreude dann im Laufe des Geschehens nach und es wird eher mit den F\u00fc\u00dfen abgestimmt, ob man diesen in die Runde setzt oder etwas anderem nachgeht. Das Vorbereitungskomitee, bestehend aus den drei Dresdner Mitgliedern des Vereins, hatte einen Plan an die Wand geheftet und sich dankenswerter Weise um die ganze Organisation gek\u00fcmmert. Aus dem Erheben und Fr\u00fchst\u00fccken wurde dann am Sonnabend allerdings eine unvorhergesehene Zweistun\u00adden\u00adaktion, so dass alles etwas ins Schleudern geriet. Gerhard hatte sich der M\u00fche unterzogen, sich Gedanken \u00fcber das Thema Sprache zu machen. Selbst aus einer beachtlichen Sammlung von Fischdosendeckeln aus DDR-Zeiten wusste er Erw\u00e4hnenswertes zu sch\u00f6pfen, hatte n\u00e4mlich eine Geschichte parat, wie diese mal entstanden ist. Das Ziel der Sprache sei die &#8222;Beeinflussung von Personen&#8220;, was dann abends noch mal zur Sprache kam, aber als Manipulation, die freilich verurteilt wurde. Es konnten nat\u00fcrlich auch die Lieblingsworte, wie &#8222;Schreibanlass&#8220;, &#8222;Bedeutungsh\u00f6fe&#8220; und &#8222;Schreibhaltung&#8220; nicht fehlen. Die sprachliche Mitteilung (eigentlich nur eine Information) sollte aber auch der Unterhaltung dienen (insofern das nicht auch eine Manipulation w\u00e4re). Selbst die Mimik und Gestik, also die K\u00f6rperspra\u00adche, kann man unter dieses Thema fassen. Als Kontrastprogramm hatte er dann ein Gedicht mit dem Titel &#8222;Sprachlos werden&#8220;, das sofort seine Liebhaber hatte.<br \/>\nAn meinem Beitrag \u00fcber Adaptionen ent\u00adbrannte eine hei\u00dfe Diskussion \u00fcber das, was ich in Werke anderer hineinlese. Ich hatte nicht gerade das Gef\u00fchl, dass er eine Anregung zum eigentlichen Thema gewesen w\u00e4re. Als ich dann die H\u00f6lderlinschen Verse &#8222;Froh der s\u00fc\u00dfen Augenwaide, wallen wir auf gr\u00fcner Flur&#8220; mit Goethes &#8222;Walle, walle manche Strecke&#8220; zusammenbrachte und zu allem \u00dcbel auch noch Jungfrauen ins Spiel brachte, war dann bei den meisten das Ma\u00df voll.<br \/>\nEine Geschichte einer Bildhauerin von bestrickender Schlicht\u00adheit hatte Sibyll auf Lager, deren katastro\u00adphales Ende aber ein bisschen im Dunkeln blieb. Frank S. hatte seine Lebensgeschichte weiterentwickelt idem er sein Ich in einen Vogel verbr\u00e4mte, so dass darin schon das Potenzial eines poetischen Romans erahnt wurde und er Beifall erhielt. Andreas brachte Sonnabend Nacht sowohl sein Prosast\u00fcck &#8222;Wie soll ich es sagen&#8220;, das zwar schon im GeWa 111 stand, aber man immer wieder gern von ihm selbst interpretiert h\u00f6rt. Er war durch eine Arbeit &#8222;Examination oder: Wie soll ich es sagen&#8220; dazu angeregt worden, las diese Quelle auch vor und lie\u00df die Anwesenden, die etwas angestrengt (es war nach Mitternacht) zugeh\u00f6rt hatten, r\u00e4tseln, von wem er sei. Da kam dann schon mal der Tipp H\u00f6lderlin, also durchaus ein Kompliment an die sich als Manuela Gerlach entpuppende Autorin. In unserem (darf ich das als Pluralis Majestatis entlarvte Pronomen hier aus\u00adnahms\u00adweise mal verwenden?, das doch eigentlich nur Gemeinschaftssinn sein m\u00f6chte) weitgefassten Sinn von Adaption war selbst dieser Text von Andreas also Adaption. Er hat ein Kunstwerk mit einem Kunstwerk beantwortet. Sein eigenes wird viel h\u00f6her bewertet und entspricht also viel mehr UnDichter-Geschmack, aber sollte man dann den Ausgangspunkt der verschol\u00adlenen Manuela nicht vielf\u00e4ltiger nutzen, denn Andreas hat nicht die eigene, sondern ihre Geschichte so ger\u00fchrt. K\u00f6nnten wir auf diesem Wege nicht erfahren, an welcher Stelle Andreas ber\u00fchrt sein m\u00f6chte oder zu ber\u00fchren ist, k\u00f6nnen wir uns dieses Gef\u00fchls\u00aderlebnis nicht auch selber erschlie\u00dfen? Nicht jeder hat die Sehnsucht nach Disziplin, sonst w\u00fcrde sie wohl eingehalten, nicht jeder sucht einen Auftrag des Kollektivs, sonst w\u00fcrde man sich vielleicht \u00f6fter selbst einer der anstehenden Aufgaben aktiv widmen oder solche definieren helfen. Immerhin bescheinigt uns Frank, der ja noch nicht so lange dabei ist, eine &#8222;richtig gut harmonierende Gruppe&#8220; zu sein. Das Problem der Kollektivit\u00e4t ist ganz nah dran an uns und ein erster Schritt w\u00e4re vielleicht, wenn jeder, der sich dazu in der Lage sieht, eine Adap\u00adtion auf den Text der verschollenen Manuela schreibt. Magdalene brachte das noch unver\u00f6ffent\u00adlichte Gedicht &#8222;Geheimnisse&#8220;, das einen starken Absolutheitsanspruch an die Tatsache anmeldet, dass wir eigentlich nichts wissen, was f\u00fcr manchen Geschmack eben zu absolut war. Da nur noch ein kleiner Kreis anwesend war, wird man sich freuen k\u00f6nnen, es im n\u00e4chsten GeWa wiederzufinden und sich seine eigenen Gedanken dazu machen zu k\u00f6nnen.<br \/>\nLiane stellte am Sonntag die Produktion einer kleinen CD vor, die in ihren Sprachmelodien so sch\u00f6n ist, dass einem der Sinn gar nicht danach steht, diesen kompakten Genuss durch eventuelle Ger\u00e4usche oder Musik zu unterbrechen. Es wurden gleich Pl\u00e4ne geschmiedet, ob man etwas \u00e4hnliches nicht vom ganzen Verein statt einer erneuten Anthologie produzieren k\u00f6nnte, aber die Vielfalt der Stimmen, die sonst so bereichert, k\u00f6nnte einem solchen Vorhaben im Wege stehen, weil dann die dynamische Harmonie, die das Eine\u00ad-Frau-Werk von Liane, gesprochen von ihr selbst und Andreas, auszeichnet, nicht mehr gegeben w\u00e4re.<br \/>\nAls letzten Beitrag habe ich die Eindr\u00fccke aus einem Buch \u00fcber Janusz Korczak vorgetra\u00adgen, die sich kritikw\u00fcrdiger Weise gleich um zwei Themen drehten: Die Rolle der Kollektivit\u00e4t und der Lebensenergie in der Erziehung, denn Korczak war nun mal P\u00e4dagoge, und die Rolle des Wahnsinns f\u00fcr die Gesellschaft und das Kunstschaffen. Da sich die Diskussion auf ein Minimum beschr\u00e4nkte, konnten wir auch nicht bei der Frage anlangen, ob denn nun auch die UnDichter ein Kollektiv sind. Andreas hielt den Korczak-Aufsatz f\u00fcr ein Manifest.<\/p>\n<p>\nWerfe ich oder werfen wir<br \/>\ndas Wir in die Waagschale<br \/>\ndie gar nichts zu wiegen hat<br \/>\neher erw\u00e4gen m\u00f6chte<br \/>\nerw\u00e4gen wir das Wir?<br \/>\nN\u00e4hern wir uns dem neben uns<br \/>\nversuchen wir seinen Geist zu atmen?<br \/>\nVersuchen wir als UnDichter zu antworten?<br \/>\nWusstet ihr schon?<br \/>\nDas w\u00e4re ein Anfang \u2013 die Adaption!<\/p>\n<p>\n<em>Im Waltersdorfe 22.8.2012<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dichterseminar &nbsp; Wir 14 UnDichter trafen uns zu einem Semi\u00adnar auf dem Campingplatz &#8222;Sonnenland&#8220; nahe Moritzburg. Die meisten waren eigens aus Berlin angereist. Der Tagungsort war ein Bungalow, in dem die Mehrheit wohn\u00adte, w\u00e4h\u00ad\u00adrend es einige vorzogen zu zelten. 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