{"id":1052,"date":"2012-08-19T20:04:08","date_gmt":"2012-08-19T18:04:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=1052"},"modified":"2024-09-29T15:27:34","modified_gmt":"2024-09-29T13:27:34","slug":"mahatma-korczak","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/1052","title":{"rendered":"Mahatma Korczak"},"content":{"rendered":"<p>Man kann Janusz Korczak wirklich in eine Reihe stellen mit Mahatma (gro\u00dfe Seele) Gandhi und Albert Schweitzer, die alle auf ein unwahrscheinliches Lebenswerk zur\u00fcckblicken konnten, und \u00fcber ihn fiel uns jetzt ein B\u00fcchlein aus DDR-Zeiten in die H\u00e4nde. Meine erste ernsthafte Begegnung mit diesem P\u00e4dagogen, der aus dem Warschauer Ghetto mit den Kindern seines Waisenheims in den Tod ging, obwohl ihm selbst ein deutscher Kommandant Rettung angeboten hatte, war anl\u00e4sslich eines aufw\u00fchlenden Sch\u00fclerst\u00fccks zu Zeiten meiner ersten Wahnsinns\u00adsch\u00fc\u00adbe, das wohl hie\u00df: &#8222;Deutschland \u2013 Dein Meister ist der Tod&#8220;.<!--more--><br \/>\nDas Buch enthielt f\u00fcr mich gleich so viele d\u00e9j\u00e0 vus, dass sich in Korczaks Leben unmittelbar das ganze eigene Leben abbildet, das in meinem Fall unter anderem mit der Drohung ins Kinder\u00adheim zu kommen anfing, wozu uns zur Abschreckung das Buch &#8222;Schkid (\u0428\u043a\u043e\u043b\u0430 \u0438\u043c\u0435\u043d\u0438 \u0414\u043e\u0441\u0442\u043e\u0435\u00ad\u0432\u0441\u043a\u043e\u0433\u043e) \u2013 Die Republik der Strolche&#8220; vorgelesen wurde, das aber so interessant war, dass wir zwar nicht ins Kinderheim wollten, aber diese russischen Erziehungs-Kinder-Republiken fanden wir ganz toll.<br \/>\nBei uns gab es ja nur eine Pionierrepublik, aber ob dort die Idee der Kinder-Selbstverwaltung verwirklicht wurde, entzieht sich meiner Kenntnis, obwohl mein gr\u00f6\u00dferer Bruder mal dorthin f\u00fcr zwei Monate delegiert worden war. Den entscheidenden Schub in den zwanziger Jahren des vori\u00adgen Jahrhun\u00adderts erhielt die P\u00e4dagogik von sowjetischer Seite. Dort hatten die Revolutions\u00adfolgen eine Menge von vagabundierenden Jugendlichen hervorgebracht, denen man mit den herk\u00f6mm\u00adlichen Metho\u00adden kaum beikommen konnte. Die entscheidenden Ideen sind in Makarenkos &#8222;P\u00e4da\u00adgogi\u00adschem Poem&#8220; niedergelegt, das der Praxis der Resozialisierung dieser problematischen Ju\u00adgend\u00ad\u00adlichen und Kinder entsprang. Es kann Korczak erst relativ sp\u00e4t bekannt geworden sein, denn es ist erst in den sp\u00e4ten drei\u00dfiger Jahren entstanden, aber die \u00dcbereinstimmung mit seinen eige\u00adnen Vorstel\u00adlun\u00adgen muss ihn verbl\u00fcfft und begeistert haben, so dass er ausrief: &#8222;Das ist schon keine p\u00e4dagogische Literatur mehr, das ist wahre P\u00e4dagogik.&#8220; Es war n\u00e4mlich die Idee, die rigide Machtaus\u00ad\u00fcbung der Erwachsenen gegen\u00fcber den Kindern aufzugeben und diese in Verh\u00e4ltnisse zu versetzen, in denen sie sich von selbst erziehen. Das ging nat\u00fcrlich nur, wenn das Kollektiv zur Geltung gebracht wurde. Als Beispiele k\u00f6nnten bei Korczak die Sjems und die Kindergerich\u00adte gelten, denn bei letzteren konnte man sich nicht nur gegenseitig anklagen, sondern auch Erzie\u00adhern konnte eine Klage angeh\u00e4ngt werden und diese mussten sich dann verantworten. Ein weite\u00adres Merkmal sind vielseitige kulturelle Aktivit\u00e4ten, die \u00fcber Wandzeitungen, richtige Zeitungen, Teilnahme am Rundfunk, Theatervorstellungen und gemeinsame Feste reichen. Korczak trat selbst im Rundfunk als &#8222;der alte Doktor&#8220; (er war von Haus aus Mediziner) auf und war sehr po\u00adpul\u00e4r. Er bewirkte, dass eine etablierte Zeitschrift (Unsere Rundschau) einen st\u00e4ndigen Kinderteil herausbrachte, der zum gro\u00dfen Teil von Kindern selbst gestaltet wurde und zu dem tausende von Briefen eingingen.<br \/>\nNat\u00fcrlich hatten die Kinder auch Pflichten, so dass man weitgehend auf Personal verzichten konnte. Sie halfen bei der Essenzubereitung, beim Saubermachen und der allgemeinen Aufrecht\u00aderhaltung der Ordnung, wof\u00fcr sie teilweise sogar bezahlt wurden. Korczak umrei\u00dft diese Innova\u00adtionen mit den Worten: &#8222;Wir b\u00fcrden ihnen die Pflichten des morgigen Menschen auf, geben ih\u00adnen dagegen nicht ein einziges Recht des heutigen Menschen.&#8220; Er wollte den Kampf um die Rech\u00adte der Kinder nachholen, die bei den anderen sozialen Bewegungen bisher ver\u00adgessen worden waren. Korczak: &#8222;Die Welt reformieren hei\u00dft die Erziehung reformieren.&#8220;<br \/>\nHeute wird der kollektive Aspekt von den Herren der Wissenschaft allgemein bem\u00e4kelt. Sie sto\u00dfen sich an der Militanz der Makarenkoschen Organisation und wollen dort Gruppe und Grup\u00adpendynamik eingesetzt wissen, weil doch ansonsten die Individualit\u00e4t verloren ginge. Dass man auf diesem Wege die Sauberkeit nur mit bekopftuchten T\u00fcrkinnen aufrecht erhalten kann und die kulturellen Aktivit\u00e4ten auf die den Eltern genehme Ausbildung in einem Instrument oder Ballett beschr\u00e4nkt bleibt und immer weniger aus den &#8222;Gruppen&#8220; herauskommt, nimmt man billigend in Kauf. Von Disziplin kann schon fast nicht mehr die Rede sein und von milit\u00e4rischen Gepflogen\u00adhei\u00adten schon gar nicht, obwohl doch selbst diese einen positiven Effekt haben.<br \/>\nBei diesem R\u00fcckblick f\u00e4llt auch auf, dass zu diesen Zeiten noch andere Lebensenergien zu handlen waren, wenn man zum Beispiel liest, dass best\u00e4ndige Schl\u00e4gereien zu &#8222;Herausforde\u00adrungen zum Zweikampf&#8220; kanalisiert werden mussten und man heute die geringste Aggression schon im Keim erstickt. Damit ist doch auch jeglicher Leistungswille verloren gegangen und dass Kollektive ernstlich im Wettbewerb stehen, geh\u00f6rt au\u00dfer im Sport v\u00f6llig der Vergangenheit an.  Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass das Voranstellen des Individuellen vor dem Kollektiven die Funktion hat, dass auch das Soziale sp\u00e4ter in der Gesellschaft nicht mehr funktio\u00adnieren m\u00f6ge, und auch daf\u00fcr gibt es gen\u00fcgend Anzeichen. Selbst die Asozialen sind heute eine Ansammlung von Selbstdarstellern, die nur noch wenig Kollektivverst\u00e4ndnis besitzen.<br \/>\nWir wollen aber diese politischen Erw\u00e4gungen, die nur ein Lamento sein k\u00f6nnen, beiseite lassen und uns einem weiteren d\u00e9j\u00e0 vu zuwenden, das mit dem Theaterschaffen Korczaks ver\u00adbunden ist, denn das besch\u00e4ftigt sich zu einem Gutteil mit dem Wahnsinn. Obwohl der bei Kindern selten anzutreffen ist und die Berufswahl eines Erziehers immer auch dadurch motiviert ist, dass man es mit aufstrebenden gesunden Menschlein zu tun hat, und wenn sie schon ein Gebrechen haben, dieses dann doch heilbar oder behebbar sein kann. So reich das Leben Korczaks an Aktivit\u00e4ten war, so sehr er sich f\u00fcr seinen Beruf aufopferte, war er ja auch ein Mensch, der keine Ehe f\u00fchrte, der keine eigene Familie hatte, der selbst eine Jugend hatte, die durch das Problem des Wahnsinns \u00fcberschattet war.<br \/>\nSein Vater, ein erfolgreicher Rechtsanwalt, erkrankte n\u00e4mlich, als Korczak 11 Jahre alt war, psychisch, kam in verschiedene Anstalten, wo ihm aber nicht geholfen werden konnte und starb schlie\u00dflich, nachdem er die Familie in den wirtschaftlichen Ruin gebracht hatte. Korczak, der mit 14 noch mit Baukl\u00f6tzern spielte und eine Kindheit in beg\u00fcterten Verh\u00e4ltnissen erlebt hatte, fl\u00fcch\u00adtete sich ins Geistige, in das Lesen und Schreiben, was wir doch selbst als probates Mittel der Be\u00adk\u00e4mpfung des eigenen Wahnsinns erkannt haben, wurde f\u00fcr ihn somit ein Mittel damit umzuge\u00adhen, obwohl seine Bef\u00fcrchtung, dass er diesen Makel geerbt haben k\u00f6nnte, sich als unzutreffend erwies.<br \/>\nSo bildete in seinem ersten Drama &#8222;Wo entlang?&#8220; der Wahnsinn des Familienvaters den tra\u00adgischen Schlussakkord der Katastrophe. Ein Jugendwerk bringt die Verzweiflung und Angst zur Sprache: &#8222;Als ich 17 war, begann ich den Roman &#8218;Selbstmord&#8216; zu schreiben. Aus Furcht vor dem Wahnsinn begann der Held das Leben zu hassen.&#8220; Er verfasste in diesem Alter auch Gedichte und konnte damit bis zum Chefredakteur der dortigen &#8222;Prawda&#8220; vordringen. Seine Kostprobe:<\/p>\n<p>\n\tGestattet, nicht zu f\u00fchlen,<br \/>\n\tgestattet, nicht zu leben.<br \/>\n\tGestattet mir, ins finstere Grab zu steigen<\/p>\n<p>\nquittierte der bekannte Publizist mit: &#8222;Ich gestatte&#8220;, woraufhin Korczak nie wieder Gedichte geschrieben hat. Solche &#8222;Werke&#8220; h\u00e4tten ihm heute mit Sicherheit einen Platz in der n\u00e4chstbesten Psychiatrie gesichert, er aber konnte sich in ein Studium vertiefen, das solchen Bedrohungen noch am ehesten wehren konnte, er wurde Arzt und war sehr erfolgreich. Ob er je auch ein ero\u00adtisches Leben hatte, kann man nur aus seinem Erstlingswerk &#8222;Wo entlang?&#8220; orakeln, das wohl verschollen ist, aber von dem die Kritik schrieb: &#8222;Der Autor verwendet Mittel, deren man sich in der bisherigen B\u00fchnenpraxis eigentlich nicht bedient hat. Junge M\u00e4nner unterhalten sich offen mit jungen M\u00e4dchen \u00fcber heikelste Fragen. Die M\u00e4dchen h\u00f6ren ihnen nicht nur ohne Err\u00f6ten zu, sondern erwidern in gleicher Weise. Dann wieder tritt eine absichtlich eingef\u00fchrte junge Dirne auf, die sich st\u00e4ndig im Freudenhaus aufh\u00e4lt. Sie gebraucht alle f\u00fcr ihre soziale Situation charak\u00adteristischen Ausdr\u00fccke, wobei es von missklingenden, derben Ausdr\u00fccken wimmelt.&#8220; Um so etwas zu schreiben, muss man schon ein bisschen Erfahrungen haben. Ist hier eine Analogie zu Tolstoi denkbar, der nach jugendlichen Exzessen sich in seinem Jasnaja Poljana der Erziehung von Kindern widmete?<br \/>\nDas sei jedem Menschen zugestanden und w\u00fcrde seiner Heiligsprechung wegen seines helden\u00adhaften Lebens keinen Abbruch tun, bei dem er st\u00e4ndig um Geld f\u00fcr sein Waisenhaus einkommen musste, wo er fast keine Privatsph\u00e4re hatte und dann in den schweren Zeiten sogar im Schlafsaal in einem Kinderbett n\u00e4chtigen musste.<br \/>\nMit Mitte f\u00fcnfzig schrieb er dann den &#8222;Senat der Tollk\u00f6pfe&#8220;, das wir leider noch nicht kennen, aber eigentlich ein Muss f\u00fcr jeden heutigen Wahnsinnigen, also auch f\u00fcr mich, sein sollte. In die\u00adsem Zusammenhang bekennt Korczak: &#8222;Ich hatte eine Heidenangst vor dem Irrenhaus, in das mein Vater mehrere Male eingewiesen wurde. Ich war also der Sohn eines Wahnsinnigen. Ich war also erblich belastet. Es sind ein paar Jahrzehnte verstrichen, und bis heute qu\u00e4lt mich von Zeit zu Zeit dieser Gedanke.&#8220; Hier wird er Opfer der Wissenschaftsgl\u00e4ubigkeit jener Zeit im doppelten Sinne, dass es das schlimmste Los sein muss, wenn man nicht mehr Herr seiner Sinne ist und an diesem Betrieb nicht mehr teilnehmen kann, und dass sie die Erblichkeit als Tatsache entdeckte, was ihn in seiner Angst so weit trug, dass er der Eugenik zuneigte mit dem staatlichen Verbot der Weitergabe von solchen fatalen M\u00e4ngeln auf dem Wege der Fortpflanzung. Dabei ist der Verr\u00fcckte heutzutage n\u00fctzlich, indem er &#8222;Kunde&#8220; eines Gesundheitswesens wird und diesem Gewinn einbringt, wie der Autok\u00e4ufer dem H\u00e4ndler n\u00fctzlich ist, indem er ein Auto verbraucht, eigentlich also auch Schaden anrichtet und einen Wert vernichtet, aber, indem er bezahlt, den H\u00e4ndler reich macht und die gesamte Maschinerie weitertreibt.<br \/>\nJeder Psychopath w\u00fcrde auch Korczaks folgende \u00c4u\u00dferung unterschreiben: &#8222;Ich h\u00e4nge zu sehr an meinen Tollheiten, als dass mich der Gedanke nicht in Schrecken versetzt h\u00e4tte, jemand werde wider meinen Willen versuchen, mich zu kurieren.&#8220; Das h\u00f6rt sich schon fast nach einem Men\u00adschen\u00adrecht auf Wahnsinn an. Das haben auch die Rezensenten seines St\u00fcckes bekr\u00e4ftigt, von de\u00adnen einer schrieb (Karol Irzkowski):<\/p>\n<p>&#8222;Seine Irren machen nach au\u00dfen hin den Eindruck von Irren, doch innerlich \u2026 ? Innerlich sind sie Menschen wie andere auch, doch mit einer Seele, in der die N\u00f6te der Welt \u2013 soziale, philosophische und kosmische N\u00f6te \u2013 hei\u00df aufwallen. Es sind also philo\u00adsophische Irre, Menschen, die f\u00fcr Millionen andere Menschen verr\u00fcckt werden.&#8220;<\/p>\n<p>\nKorczak nimmt die Sache in dem St\u00fcck auch von der leichten Seite, indem einen Kaufmann sa\u00adgen l\u00e4sst: &#8222;Jeder Irre ist ein Simulant. Im Leben hat er keinen Erfolg gehabt. Er hat es sich also leicht gemacht und ist verr\u00fcckt geworden, so wie ein Kaufmann, der sich aus Witz und Tollerei f\u00fcr bankrott erkl\u00e4rt.&#8220; Damit wird ein \u00fcbliches Urteil reflektiert, dass der Irre selbst willentlichen Anteil an seiner Verr\u00fccktheit haben k\u00f6nnte und sich dann nicht zu wundern braucht, wenn man ihn dann wider Willen kuriert. Heute nun kann sich jeder in einen psychischen Zustand versetzen lassen, wo selbst Totkranke ihrem eigenen Sterben ohne emotionale Erregung &#8222;zuschauen&#8220;, in\u00addem man entsprechende Psychopharmaka einnimmt, kann Soldaten das Killen oder gegebenen\u00adfalls ebenfalls Sterben erleichtert werden, indem man entsprechende Mittelchen anwendet. Wenn wir oben bei den Kindern und Jugendlichen den Verlust an Lebensenergie verzeichnet haben, so trifft das auf den einsichtigen Geisteskranken ebenso zu. Ist es das Lebensziel geworden, mit m\u00f6g\u00adlichst wenig H\u00f6hen und Tiefen auszukommen? Ist das nicht schon Selbstmord auf Raten?<br \/>\nGestatten Sie mir, mich nach der Welt der Lebendigkeit zur\u00fcckzusehnen!<\/p>\n<p>\n<em>C.R. 15.8.2012<br \/>\nwww.gedichtladen.de<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man kann Janusz Korczak wirklich in eine Reihe stellen mit Mahatma (gro\u00dfe Seele) Gandhi und Albert Schweitzer, die alle auf ein unwahrscheinliches Lebenswerk zur\u00fcckblicken konnten, und \u00fcber ihn fiel uns jetzt ein B\u00fcchlein aus DDR-Zeiten in die H\u00e4nde. 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