{"id":1029,"date":"2012-08-14T17:19:57","date_gmt":"2012-08-14T15:19:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=1029"},"modified":"2024-09-29T14:45:19","modified_gmt":"2024-09-29T12:45:19","slug":"schone-schwertschwingende-frau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/1029","title":{"rendered":"Sch\u00f6ne schwertschwingende Frau"},"content":{"rendered":"<p>Fast des ganzen geisteswissenschaftlichen Arsenals bedient sich Kerstin Kempker in ihrer Diplomarbeit aus den 90 er Jahren unter dem Titel &#8222;Teure Verst\u00e4ndnislosigkeit&#8220; und verspricht im Untertitel, dass man etwas erf\u00e4hrt \u00fcber &#8222;Die Sprache der Verr\u00fccktheit und die Entgegnung der Psychiatrie&#8220;, was sich aber nicht ganz erf\u00fcllt. Man k\u00f6nnte meinen, hier werden Kosten aufgerech\u00adnet, die doch wirklich immens sind, aber der Titel ist Samuel Becketts Werk entnommen, der schon Grund hatte gegen seine Artgenossen aufzubegehren: &#8222;\u2026 mir eine Sprache eingetrichtert zu haben, von der sie sich einbil\u00adden, dass ich mich ihrer nie bedienen k\u00f6nnte, ohne mich zu ihrer Sippschaft zu bekennen, ein feiner Trick \u2026 Teure Verst\u00e4ndnislosigkeit, dir werde ich letzten Endes zu verdanken haben, ich zu sein.&#8220;<!--more--><br \/>\nImmer noch and\u00e4chtig k\u00f6nnen wir Ingeborg Bachmann lauschen, die mit ihrem unvollendeten Roman &#8222;Der Fall Franza&#8220; die ganze Arbeit begleitet, die dem Zyklus &#8222;Todesarten&#8220; entstammt und immerhin so vollendet ist, dass die Protagonistin \u00fcber ein Ehejoch mit einem Psychiater in der W\u00fcste sinnierend stirbt. Auch kann man ihrem Kassandraruf folgen, wenn sie sagt: &#8222;Der Frag\u00adw\u00fcr\u00addigkeit der dichterischen Existenz steht nun zum ersten Mal eine Unsicherheit der gesamten Ver\u00adh\u00e4ltnisse gegen\u00fcber. Die Realit\u00e4ten von Raum und Zeit sind aufgel\u00f6st, die Wirklichkeit harrt st\u00e4n\u00addig einer neuen Definition, weil die Wissenschaft sie g\u00e4nzlich verformelt hat. Das Vertrau\u00adens\u00adverh\u00e4ltnis zwischen Ich und Sprache und Ding ist schwer ersch\u00fcttert.&#8220;<br \/>\nMan kann das am freien Markt festmachen, in dem das Kapital den K\u00fcnstler als Narren und Hofnarren verwertet oder wie ein gewisser Walter Vogt schmunzeln: &#8222;Das Gewaltige an der modernen Kunst ist ja gerade, dass sie in einer Welt der Technik und des unaufhaltsamen natur\u00adwissenschaftlichen Fortschritts gro\u00df und unger\u00fchrt ins Infantile regrediert \u2013 dass sie DaDa sagt, wo sie nach Ansicht der Professoren Dankesch\u00f6n sagen sollte, f\u00fcr Schweigegelder, Treuepr\u00e4mien und Dienstaltersgeschenke, womit man sie auszeichnet und verlacht.&#8220;<br \/>\nJa kommt denn nun von den Verr\u00fcckten die ganze Poesie oder \u00fcberhaupt die ganze Kunst? In den Apokryphen der Bibel wird harsch mit ihnen umgegangen:<\/p>\n<p>\nWer mit einem Narren spricht,<br \/>\nredet zu einem Schlafenden.<br \/>\nAm Ende wird er fragen: Was ist los?<\/p>\n<p>\noder:<\/p>\n<p>\nAus dem Narren aber bricht das Wort heraus<br \/>\nwie das Kind aus dem Leib seiner Mutter<\/p>\n<p>\nImmerhin findet man Verr\u00fccktsein, als Zeichen zeitweiliger seelischer H\u00f6henfl\u00fcge ganz gut, wenn man etwas einfach irre findet, jemanden irrsinnig sch\u00f6n oder verr\u00fcckt nach jemandem ist. So kokettiert man ganz gern mit dem Irresein, eben nicht ganz normal, wie immer, wie gehabt, roger, so lala, geht so. Das ist also ein bisschen das Salz in der Suppe im Leben, steht f\u00fcr das Un\u00advorhergesehene, das Thrillende, aber so richtig ernst machen will man es damit nicht.<br \/>\nDie echten Irren sind dann freilich auch mit einem Stigma versehen, von dem man sich nicht mal richtig befreien kann, wenn man wieder drau\u00dfen ist, sich h\u00f6chsten von diesem Makel eines Ichs zu einem Ich transformieren kann, das einen bestimmten Makel korrigiert hat. So f\u00fcrchten sich aus der Klapse Entlassene manchmal davor, &#8222;sich mit dem Ehegatten oder Arbeitgeber in scharfe Auseinandersetzungen zu verwickeln, wegen des latenten Stigmas, f\u00fcr das es als Indiz gewertet werden k\u00f6nnte, wenn sie Emotionen zeigen.&#8220; Eine fast unentrinnbare Falle, wie der Antipsychiater Ronald D. Laing schildert:<\/p>\n<p>\nEs muss etwas mit ihm los sein<br \/>\ndenn sonst w\u00fcrde er sich nicht so verhalten<br \/>\nals wenn nichts w\u00e4re<br \/>\nalso verh\u00e4lt er sich so<br \/>\nweil etwas mit ihm los ist<br \/>\nEr glaubt nicht, dass etwas mit ihm los ist<br \/>\nweil ein Teil von dem, was mit ihm los ist<br \/>\nist, dass er nicht glaubt, dass etwas mit ihm los ist<br \/>\nAlso m\u00fcssen wir ihm helfen zu erkennen<br \/>\ndass die Tatsache, dass er nicht glaubt<br \/>\ndass etwas mit ihm los ist<br \/>\nEin Teil von dem ist, was mit ihm los ist<\/p>\n<p>\nAuf diesem Wege kommen Psychiater also manchmal zu ihren Diagnosen, die leichter zu wider\u00adlegen als zu beweisen seien. Das Salz in der Suppe, die Verr\u00fcckten, machen sich also mau\u00adsig.<br \/>\nEs gibt sogar welche, die schreiben, aber &#8222;ihre Schriften bestehen zum gro\u00dfen Teil aus Ein\u00adgaben an die Anstaltsleitung, an Regierungsstellen, \u00c4mter und Beh\u00f6rden, worin sie ihre Ent\u00adlassung fordern, Angriffe gegen vermeintliche Verfolger richten oder ihre Erfindungen anpreisen. Es fehlt dabei jedes Krankheitsbewusstsein. Auch diese Schriftst\u00fccke k\u00f6nnen sprachlich und formell unauff\u00e4llig sein.&#8220; Wenn Sie also an so einer verantwortlichen Stelle sitzen, achten Sie immer genau auf den Absender, es k\u00f6nnte immer das Produkt eines Irren sein, das Sie am besten \u00fcbergehen. Es versteht sich von selbst, dass man als Stigmatisierter besser in keine ernsthaften Konflikte ger\u00e4t, bei denen von diesen Mitteln zivilisierten Umgangs mal etwas abh\u00e4ngen k\u00f6nnte. Im Nahfeld handelt ein Insasse sich nur gewisse Nachteile ein.<\/p>\n<p>\nDa muss man sich schon wieder einmal anstrengen, wie Ingeborg Bachmann:<\/p>\n<p>\nWort, sei von uns,<br \/>\nfreisinnig, deutlich, sch\u00f6n.<br \/>\nGewiss muss es ein Ende nehmen,<br \/>\nsich vorzusehen. \u2026<br \/>\nMein Wort, errette mich!<\/p>\n<p>\nIm Endeffekt wird man als Psychopath meist gemieden und kann in Ruhe Paul Celan lesen:<\/p>\n<p>\nWer mit der Lampe allein ist<br \/>\nhat nur die Hand, daraus zu lesen.<\/p>\n<p>\n\u041f\u0440\u0438\u0432\u0435\u0442  Kerstin.<\/p>\n<p>\n<em>C.R. 12.8.2012<br \/>\nwww.gedichtladen.de<br \/>\n<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fast des ganzen geisteswissenschaftlichen Arsenals bedient sich Kerstin Kempker in ihrer Diplomarbeit aus den 90 er Jahren unter dem Titel &#8222;Teure Verst\u00e4ndnislosigkeit&#8220; und verspricht im Untertitel, dass man etwas erf\u00e4hrt \u00fcber &#8222;Die Sprache der Verr\u00fccktheit und die Entgegnung der Psychiatrie&#8220;,&#8230;<br \/><a class=\"read-more-button\" href=\"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/1029\">Mehr Lesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[9],"tags":[],"class_list":["post-1029","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-rezensionen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1029","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1029"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1029\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4419,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1029\/revisions\/4419"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1029"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1029"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1029"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}