{"id":1024,"date":"2012-08-11T19:31:13","date_gmt":"2012-08-11T17:31:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=1024"},"modified":"2024-09-29T15:28:06","modified_gmt":"2024-09-29T13:28:06","slug":"schizophren-aus-berufung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/1024","title":{"rendered":"Schizophren aus Berufung"},"content":{"rendered":"<p>Als ich mein Buch &#8222;Klarheit und Wahn&#8220; an einen Verlag bringen wollte, erhob sich die Frage, wie die Konkurrenzsituation ist, inwiefern sich diese Arbeit also von anderen B\u00fcchern unter\u00adschei\u00addet, die sich mit Geisteskrankheit besch\u00e4ftigen. Ich rief also Kerstin an, die schon seit Jahren in einem Pflegeberuf t\u00e4tig ist und erz\u00e4hlte von meiner Abfuhr beim Antipsychiatrieverlag. Sie fragte mich, ob ich denn schon ihre Namensvetterin Kerstin Kempker kennen w\u00fcrde, die offenbar einiges zum Verlagsprogramm beigetragen hat und ihre Lebensgeschichte im Buch &#8222;Mitgift&#8220; niedergelegt h\u00e4tte, das sie auch zu Hause hat und ich mir gern borgen k\u00f6nnte. Unsere Kerstin hatte an diesem Tag frei, ich habe ja immer frei und so war ich wenige Stunden sp\u00e4ter bei ihr, brachte mein eigenes Buch mit und fuhr bewaffnet mit zwei B\u00fcchern von Kerstin Kempker zur\u00fcck.<!--more--><br \/>\nIch habe nicht gerade eine Affinit\u00e4t f\u00fcr solche Literatur, von der ich einfach mal behauptet hatte, sie sei niederdr\u00fcckend und entbehre nicht selten der Herzensw\u00e4rme. Noch seltener w\u00e4re die Demut zu finden. Einem Heer von bezahlten Hilfskr\u00e4ften, wozu man \u00c4rzte, Pfleger und Sozial\u00adarbeiter rechnen kann, stehen die Betroffenen gegen\u00fcber, die sich inzwischen als psychiatrie\u00aderfahren bezeichnen, was anzeigen soll, dass sie sich nicht beschaulich oder auch wissenschaft\u00adlich mit einer Materie besch\u00e4ftigen, die mit Geisteskrankheiten zu tun hat, sondern dass sie selbst &#8222;drin&#8220; waren, dass sie etwas relativ Heldenhaftes durchgestanden haben und deklassieren ein biss\u00adchen die Leute, die eben noch nicht &#8222;drin&#8220; waren.<br \/>\nKerstin kommt mit siebzehn Jahren in die Psychiatrie, angeblich auf ein Tagebuch hin, das die Mutter findet und in dem sie Selbstmordgedanken ge\u00e4u\u00dfert hatte. Zun\u00e4chst erlebt sie in der Uni-Klinik Mainz die Ende der siebziger Jahre noch \u00fcbliche Insulintherapie, bei der man in eine gewollte Unterzuckerung versetzt wird, in einen koma\u00e4hnlichen Zustand und noch dazu mit Elektroschocks behandelt wird, was einigerma\u00dfen gruselig ist. Zus\u00e4tzlich gibt es einen Cocktail der damals verf\u00fcgbaren Neuroleptika, also ruhigstellender Medikamente, die einen in einen apathischen Zustand versetzen und was eine heute noch \u00fcbliche Behandlungsmethode darstellt. Als sich kein Erfolg einstellt, kommt sie in eine Privatklinik nach Kreuznach in der Schweiz und ist dort eine der schwierigsten Patienten, die jede Gelegenheit nutzt, um zum Beispiel mal aus dem Fenster zu springen oder zu versuchen, sich von einem Zug die Beine abfahren zu lassen, dass sie ein Kr\u00fcppel w\u00fcrde.<br \/>\nAls idealen Zustand empfindet sie, als sie nach dem Fenstersturz und mehrfachen Beckenbr\u00fc\u00adchen wochenlang das Bett h\u00fcten musste, ausgiebig schlafen konnte, gewaschen wurde und selbst die Notdurft im Bett verrichtete. &#8222;Nun verw\u00f6hnt mich mal richtig, ich werde es euch nicht dan\u00adken&#8220;, mag sie gedacht haben, als sie der Pflege und Zuwendung einer Armada von Personal teil\u00adhaftig wurde, die ja immer freundlich und wohlmeinend sein m\u00fcssen, weil es ihr Job ist und ihr etwas f\u00fcr die 200 Franken t\u00e4glich bieten m\u00fcssen. Wenn man bedenkt, das heute ein Tag in einer Allerweltspsychiatrie 230 Euro kostet, bekommt man ein Gef\u00fchl daf\u00fcr, dass sich auch unser Ge\u00adsundheitswesen inzwischen besser als die Schweizer Ende der siebziger Jahre zu bedienen wei\u00df.<br \/>\nDie junge Frau macht es sich also zum Lebensinhalt, der Umgebung, die sie wohl aus ethi\u00adschen oder einfach Gewohnheitsgr\u00fcnden unbedingt am Leben halten m\u00f6chte und wohl auch zu heilen versucht, diese Pflege so schwer wie m\u00f6glich zu machen. Selbst die zahlenden und ge\u00adtrennt lebenden Eltern geh\u00f6ren zu diesem Feindbild und auch die Mitpatienten, die nicht \u00fcber ihre Talente verf\u00fcgen, werden davon nicht ausgenommen. Kerstin hat n\u00e4mlich zwei Talente: Sie kann mit einem poetischen Einschlag schreiben und sie kann zeichnen. Daraus l\u00e4sst sich schon eher Kapital schlagen, als wenn man eine Patientin ist, die sie hasst und die immer nur lamentiert: &#8222;Wie ist das nur m\u00f6glich, wie ist das nur \u2026&#8220;.<br \/>\nJa wie ist es nur m\u00f6glich, dass Schreib- und Zeichentalent ausreichen, um sich \u00fcber alle Mit\u00adpa\u00adtienten, \u00c4rzte, Psychologen und Helfer hinwegzusetzen und ihnen entgegenzuschleudern, dass sie diese Starpatientin nicht verstehen. Sie braucht zwanzig Jahre, um die drei Jahre und drei Sta\u00adtionen Psychiatrie zu verarbeiten, denn, nachdem die Krankenkasse den Schweizaufenthalt nicht mehr bezahlen will, kommt sie noch ins L\u00fcneburgische nach H\u00e4cklingen, wo man die Gestalt\u00adtherapie betreibt, wohl einer der letzten Versuche philosophische Kopfgeburten auf  Betroffene loszulassen. Da hat sie in ihrem Bericht sicher vieles gemildert, das sich ansonsten als Bild einer ausgemachten Egoistin darstellen w\u00fcrde, die diffus im Widerstand ist, die ein Tr\u00fcmmerfeld hinterl\u00e4sst (Eine Klinik st\u00fcrzt sp\u00e4ter ein, eine andere wird geschlossen, Mitpatienten nehmen sich erfolgreicher als sie das Leben) und dann noch ihre Akten anfordert, um zu sehen, ob das Perso\u00adnal in seinen schriftlichen \u00c4u\u00dferungen auch dem\u00fctig genug war. Das alles tr\u00e4gt ihr bei mir keine Sympathien ein, auch wenn man als Patient immer ein bisschen dazu neigt, in die \u00c4rzte und Therapeuten ein Feindbild zu konstruieren. Der liebe Gott meinte es aber besser mit ihr, indem er ihr einen Schutzengel beistellte, der nicht nur alle Selbstmord- und Verst\u00fcmme\u00adlungsversuche vereitelte, sondern ihr wohl auch die Talente schenkte, die ihr anschlie\u00dfend erlaubten auf die Helferseite zu wechseln, das Weglaufhaus in Berlin zu betreuen und ein Starautor des Antipsy\u00adchia\u00adtrieverlags zu werden.<br \/>\nDiese ganze Individualrevolution, die gegen professionell deformiertes Mitgef\u00fchl aufbegehrt und deren gr\u00f6\u00dfte Heldentaten darin bestehen, die ganze Abteilungsration an Neuroleptika auf einmal zu verschlucken oder uns\u00e4glich faul zu sein, kann nur im Verschlei\u00df dieser wohlmeinen\u00adden Absichten, jemandem helfen zu wollen, endigen. Wenn sie nun selbst ein solcher Helfer sein sollte, der ebenfalls bezahlt wird, kann das im Kontrast dazu nur zu Kitsch geraten und demzu\u00adfolge h\u00e4lt sie sich in der Beschreibung ihrer Wendung zu dieser Seite zur\u00fcck. Ich neige eher da\u00adzu, auch die Patienten zu sch\u00e4tzen, denen nichts weiter \u00fcber die Lippen kommt, als das Lamento: &#8222;Wie ist das nur m\u00f6glich.&#8220; In die doch so fragliche Professionalit\u00e4t schaffen es nur Leute, die einen Egoismus an den Tag legen, gegen den aufzubegehren sich nun wirklich lohnen w\u00fcrde. Der Aspekt, der Gesellschaft zu dienen, ist verloren gegangen und diejenigen, die ihr Bestes geben, aber eben nicht so konziliant damit umzugehen verstehen, geraten ins Hintertreffen. Wie kann man mit dieser K\u00e4lte im Herzen, mit dieser mangelnden Selbstbeherrschung und solcher Unge\u00adzogenheit sich dann an die Schalthebel der alternativen Psychiatrie setzen? Eher sollte man in ein Kloster gehen und Gott f\u00fcr seinen Schutzengel Dank entbieten.<\/p>\n<p>\n<em>C.R. 11.8.2012<br \/>\nwww.gedichtladen.de<br \/>\n<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als ich mein Buch &#8222;Klarheit und Wahn&#8220; an einen Verlag bringen wollte, erhob sich die Frage, wie die Konkurrenzsituation ist, inwiefern sich diese Arbeit also von anderen B\u00fcchern unter\u00adschei\u00addet, die sich mit Geisteskrankheit besch\u00e4ftigen. Ich rief also Kerstin an, die&#8230;<br \/><a class=\"read-more-button\" href=\"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/1024\">Mehr Lesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[9],"tags":[],"class_list":["post-1024","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-rezensionen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1024","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1024"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1024\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1025,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1024\/revisions\/1025"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1024"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1024"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1024"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}