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Kolumne KW27 „Deutsch Russische Freundschaft“

Deutsch Russische Freundschaft

 

Es gibt Vereine, die sich der Aufrechterhaltung der Kontakte zwischen Deutschland und Russland verschrieben haben. Einer hat den Untertitel „Frieden schaffen ohne Kerzen und Waffen“. Mindestens die Anspielung auf die Kerzen, also das friedliche Aufbegehren 1989 erscheint etwas fragwürdig, aber etwa hundertfünfzig Gasteltern haben sich trotzdem gefunden, die nicht unbeträchtliche Mittel und Zeit in dieses hehre Ziel investieren.

Ein Wust von Vorschriften, was die Gastschüler aus Russland alles nicht dürfen, keinen Laptop mitbringen, kein Handy, weniger als sieben Vokabeln an einem Tag lernen, kein Alkohol oder keine unvorhergesehene Zahnbehandlung, hält die Jugendlichen von einigermaßen begüterten Eltern doch nicht ab, für ein Vierteljahr nach Deutschland zu reisen. Das ist vielleicht das grundlegende Problem, dass gerade die Verwöhnten sich auf den Weg nach Deutschland machen und dann wenig beeindruckt sind von unserem Wohlstand. Man wird sich dessen sehr bewusst, dass wir die Welt nicht etwa mehr durch die Hingabe an höhere Werten beglücken wollen, sondern unsere Mittel und unsere Zeit opfern, vor allem um zu zeigen, wie weit wir es doch materiell gebracht haben.

Was uns das russische Volk vormacht, ist das Festhalten an hergebrachten Sitten, in unserem Fall eines Gastschülers aus Tscherepowjetz war sogar eine geradezu groteske Religiosität zu verzeichnen. Kann denn wirklich unser diesbezüglicher Verfall durch unseren Wohlstand aufgehoben werden?

Man merkt schon deutlich, dass Russland der halbe Weg nach China ist, wo es die meisten für das Größte halten, wenn sie eine fast echte Marlboro zwischen den Fingern haben und eine eisgekühlte nachgemachte Coke in der Hand. An diesen Jugendlichen merkt man, wie weit der heutige Nachwuchs von der Natur und Tatkraft entfernt ist, wenn sie vereinzelte Mücken für bedeutender halten als eine lauschige Sommernacht, wenn sie sich nicht ohne Handy und Computer beschäftigen können und lieber in den Tag hinein schlafen. Man sieht deutlicher, was inzwischen auch unsere Jugendlichen betrifft, und die russischen sind nur einer besseren Disziplin und einem gewissen Leistungsdruck unterworfen, so dass sie unsere Schulen mehr oder weniger als einen grandiosen Ulk auffassen.

Wir haben ja kein Nationalbewusstsein mehr, aber durch die ausländischen Jugendlichen werden wir bei dieser Ehre gepackt. Als dann zur Abreise zwei der drei Busse nicht eintreffen, der Vereinsvorsitzende sich darin gefällt nach stundenlanger Wartezeit den lieben Gott zu spielen und zu entscheiden, wer denn nun fahren darf und wer nicht, da hört man schon mal die beschämenden Worte „typisch Deutschland“.

Wir sind schnell bei der Hand, von russischer Misswirtschaft zu sprechen oder die Bsjatstwo – die Bestechlichkeit – russischer Busfahrer zu verdammen, weshalb man jetzt auch ein ebenso unseriöses, weil wahrscheinlich billiges, deutsches Busunternehmen beauftragt hat, das es nicht fertigbringt, drei Busse einigermaßen pünktlich auf die Reise zu schicken. Uns Deutschen war es in wenigen Fällen der Geschichte gelungen, uns liebenswert zu machen.

Wenn das nun alles der relative Wohlstand ausgleichen soll, dann leben wir doch gerade in einer Phase der schmerzlichen Verabschiedung davon, was wir aber nicht als ein auf hohem Niveau leidendendes Volk erleben, sondern sich die Abwesenheit einer nationalen Identität darin äußert, dass jeder möglichst wenig davon betroffen sein möchte und sein Schäflein ins Trockne bringt.

Die mindestens tausend Euro, die jede Familie auf den Gastaufenthalt investiert, sind eigentlich in die Suche nach uns selbst investiert. Den Schülern, die uns Kunde von einer anderen Kultur brachten, sei besonders ob ihrer Jugend und Unternehmungsgeistes dank.

Christian Rempel,
Im Waltersdorfe 7.7.2013