Der Gedichtladen

Gedanken aus dem Leben, für das Leben

Kolumne KW44 „Was tun?“

Was tun?

 

Der Titel „Was tun?“ stammt nicht etwa von Lenin, vielmehr hat sich dieser den Titel von einem utopischen Sozialisten ausgeborgt, der zwar auch ein Russe war, aber ein halbes Jahrhundert vor Lenin gelebt hat. Da musste man noch für etwas freiheitliche Gedanken in der Peter Pauls Festung schmachten, was Nikolai Tschernyschewskij auch geschah. Sein halbes Leben musste er in der sibierischen Verbannung verbringen.


In der Festungshaft schrieb Tscherny­schewskij also seinen Roman „Was tun?“, der von einer neuen Lebensweise handelt, wo die berufliche Tätigkeit nicht mehr allein auf den wirtschaftlichen Gewinn ausgerichtet ist und Ehen aus Liebe geschlossen werden, nicht mehr, um eine möglichst gute Partie zu machen.

Eine solche „gute Partie“ hatte die Mutter von Wera Pawlowna für ihre Tochter vorgesehen, aber der Hauslehrer ihres jüngeren Bruders ist einer von den neuen Menschen, die es demnach in Russland schon im Jahre 1865 gab. Dieser, Lopuchow, gibt ihr die Freiheit, indem er sie heiratet. Nur so kann er Wera der häuslichen Gewalt entziehen und sie ist ihm sehr dankbar dafür, ja sie glaubt sogar, dass sie Lopuchow liebt und er sie.

Die Ehe ist schon etwas unge­wöhnlich, jeder hat sein Zimmer und der Partner darf dasjenige des anderen nicht ohne Erlaubnis betreten. Wera gründet eine Nähwerkstatt, die sie nach völlig neuen Prinzipien organisiert. Sie verdient daran nicht, sondern die Näherinnen dürfen den Gewinn unter sich aufteilen.

Diese Gedanken müssen in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts sehr verbreitet gewesen sein, denn wir finden sie ja auch bei den Zeiss Werken in Jena, wo sie Ernst Abbe einführte.

Die Handlung bleibt aber im Wesentlichen auf das Private beschränkt und es ergibt sich, dass Wera mit der Zeit entdeckt, dass sie eigentlich nicht Lopuchow, sondern seinen besten Freund Kirsanow liebt. Daraus ergeben sich aber kein vordergründiger Konflikt oder Szenen irgendwelcher Art, sondern Lopu­chow räumt das Feld mittels eines perfekt vorgetäuschten Selbstmords. Dass er dann nach Jahren als ein erfolgreicher Geschäftsmann aus Amerika wieder auftaucht und dann doch noch ein anderes Eheglück findet, schien in Petersburg keinen weiter zu verwundern.

Wenn Tschernyschewskij einen Gegner hat neben der Zensur, so ist es der scharfsinnige Leser, mit dem er manchen Strauß ausficht. Den wohlmeinenden, dem es vielleicht ein wenig trieft vor Harmonie in dem Roman, nimmt er weniger aufs Korn.

Wie sich Tschernyschewskij die Gesellschaft der Zukunft vorstellt, finden wir in Weras viertem Traum abgebildet. Das ist dann wie Utopia oder Campanellas Sonnenstaat, aber heute, hundertfünfzig Jahre später sind wir schlauer und wissen, dass alle diese Utopien von der Voraussetzung einer sich sinnvoll beschäftigenden Gesellschaft ausgingen und von Freizeitbedürfnissen, die im Wesentlichen in Geselligkeit bestanden. Dagegen haben wir heute den individuellen Rückzug hinter die Fernsehgeräte und Computer und die Maschinen dienen immer noch nicht den Menschen, sondern eher dem Gewinn, der natürlich auch nicht gemeinschaftlich aufgeteilt wird. Andererseits sind diese Utopien heute schon überholt, sie würden nicht mehr als erstrebenswertes Ziel gelten. Neue Utopien gibt es noch nicht, wenn sie entworfen werden, dann sind sie eher zum Gruseln.

Schlechte Zeiten also für Utopisten, auch wenn ihnen keine Verbannung mehr droht, aber eine erstrebenswerte Utopie bekommen wir einfach nicht mehr zusammen.

Christian Rempel im Waltersdorfe
2.11.2014