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Kolumne KW 35 2017 „Mitleid“

Mitleid 

So sehr den Männern aus naheliegenden Gründen an käuflicher Liebe gelegen sein mag und welche Funktion diese auch immer haben möchte, man kann sich im Zweifelsfall schlecht darauf berufen, als Frau, die einem solchen Geschäft nachgeht. Alle Liebhaber, auch wenn ihre Sinne noch so entbrannt waren von der scheinbar unerreichbaren Weiblichkeit, fühlen sich dann im Endeffekt doch betrogen, gerade wenn sie merken, dass es der ihren ziemlich viele waren.

Paulo Coelho zeichnet wieder ein Bild einer solchen Frau, der Künstlerin Mata Hari, die vielleicht auch heute noch viele kennen und die als vermeintliche Doppelspionin von den Franzosen hingerichtet wurde. Dieses lesenswerte Buch heißt „Die Spionin“, obwohl die Aktenlage eher so ist, dass diese Frau zwar mit den Spionagediensten beider Seiten im ersten Weltkrieg geliebäugelt hat, aber diese meinte, wie ihre Liebhaber an der Nase herumführen zu können, und praktisch nicht eine anfassbare Information, weder an die eine noch an die andere Seite geliefert hat.

Marti Hari hatte das Unglück, dass die brisante weltpolitische Situation gerade in die Zeit fiel, wo ihre Karriere als begnadete und berühmte Nackttänzerin sich einem Ende zuneigte und ihre Reize als eine der schönsten Frauen rasant verfielen. Die Männer waren da eher damit beschäftigt ans gegenseitige Mordwerk zu gehen, als sich diesen verfallenden Reizen noch anzunehmen. Sie wollte sich auch noch dieses, heute als Spiel anmutenden Bespitzelungs- und Belauerungsgebaren der Männer zunutze machen und sich daraus eine anhaltende Erwerbsquelle konstru­ieren, das für sie bitterer Ernst wurde.

Coelho nimmt nicht die zur gleichen Zeit und im gleichen Gefängnis einsitzende Hélène Brion, die französische Pazifistin, Defätistin und Antipatriotin, zur Folie seines Romans, obwohl sich diese, die sich in Männerkleidung gewandete, einer gewissen Massenbasis erfreuen konnte, sondern diese kapriziöse Frau mit zweifelhaftem Lebenswandel, nicht nur, weil sich dieser ja aus traumatischen Erlebnissen in ihrer Jugend und Ehe herleiteten, sondern weil sie damit realen Frauen und damit Leserinnen viel näher ist, die sich ein selbstbestimmtes Leben in Wohlstand und unter voller Ausnutzung aller Talente ein glückliches Leben zimmern möchten.

Insofern ist „Die Spionin“ sicher ein feministisches Buch, das unter anderem lehrt, wie sehr sich Sex auch nutzbar machen lässt, jedenfalls für die Zeit seiner besten Jahre und Mitleid empfindet man als Mann vor allem daher, dass dieser schönen und einfallsreichen Frau die Liebe versagt blieb.

Christian Rempel in Zeuthen, den 2.9.2017

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