Der Gedichtladen

Gedanken aus dem Leben, für das Leben

Kolumne KW 24 / KW 25 2017 „Herzblut“

Herzblut 

Eine Bekannte aus dem Dichterkreis hatte mal eine neue Idee: Man solle mal keinen möglichst perfekten Text oder Gedicht schreiben, sondern einen durchaus imperfekten, aber dafür mit Herzblut geschriebenen. Dabei kann man jedes Buch oder Gedicht, selbst wenn es perfekt ausgewogen ist, im besten Fall als den Ausfluss eines solchen Herzblutes sehen.

Wie unterschiedlich dass aber auch sein kann, es kann verletzend sein, es kann anderen dazu dienen, das Blut gierig aufzuschlecken oder sich sein Süppchen damit zu kochen. Also Vorsicht mit dem Herzblut, Vorsicht mit den Halbheiten. Hat man doch heute die Chance, einen Menschen zu finden, dem man ganz allein sein Herzblut spenden kann. Manch einer hat es nötiger, am nötigsten sicher die Hilflosen, die meist unsere Kinder sind.

Hat man keinen so nahen Menschen, dann kann man sein Herzblut auch noch für sich behalten und es wird einen stärkend durchströmen. Für das Wohlbefinden ist es manchmal besser, sich nicht zu äußern, gerade wenn man merkt, dass es einem nicht guttut.

Auch das bietet die heutige Zeit, man kann wegziehen, nicht ans Telefon gehen, wenn man sieht, dass jemand Unliebsames dran ist, man kann zu Hause bleiben, statt sich ins Getümmel zu stürzen und irgendwelchen Leuten über den Weg zu laufen, die man lieber nicht sehen würde.

Natürlich geht das alles nur für eine gewisse Zeit. Man ist ein soziales Wesen und unter Menschen findet man manchmal welche, die sich mit den gleichen Problemen herum­schlagen wie man selber. Der Rat ist also, sich nicht nur dem auszusetzen, dass einem das Herz blutet, es nicht zu sehr an sich heranzulassen, sonst wird man leicht zum wunderlichen Kautz, der nicht mehr lachen kann.

Aber auch die Trauer hat man für sich allein und man sollte ihr nicht ausweichen. Gut dass es da Friedhöfe gibt, auf denen man über kurz oder lang anlandet, denn da kann man das Herzblut und die Trauer in etwas anderes verwandeln, nämlich in eine einfache gärtnerische Tätigkeit. Viele einfache Arbeiten könnten einem ja als Last erscheinen, aber sie sind eben auch ein Ausweg.

Ich kenne jemanden, der hat sein ganzes Leben schöne Geschichten geschrieben. Als er davon genug hatte, begann er zu zeichnen. Als ihm das über wurde, tat er einfachste Dinge.

Christian Rempel in Zeuthen, den 24.6.2017