Der Gedichtladen

Gedanken aus dem Leben, für das Leben

Kolumne KW 15 2018 „Jahrzehnteblackout“

Jahrzehnteblackout 

Mein 91jähriger Vater rechnet gern nach. So sagte er letztens, dass er schon 62 Jahre in unserem Haus wohne. Ich widersprach und sagte, das könne nicht sein, da ich doch erst mit drei Jahren hierhergezogen bin. Ich hatte auch gerechnet und mir dabei fest eingebildet, dass ich gerade 60 geworden bin. Somit könnte mein Vater erst 57 Jahre in unserem Haus wohnen. Kann es sein, dass man sich im eigenen Alter irrt? Ja, bei mir kann das vorkommen, wie mir im Stress auch andere Irrtümer unterlaufen.

Das ist nun die Zeit, wo es allgemein sehr ruhig wird. Man macht nicht mehr alles allein, sondern sieht zu, dass man es machen lassen kann, und dabei werden manchmal ganz schöne Preise aufgerufen. Statt sich stundenweise abzumühen, erfinden Gärtner Objektlöhne, wo es bei einem Zierbaum schon mal effektiver sein kann, ihn unten abzusägen als ihn fachgerecht frisieren zu lassen und das womöglich jedes Jahr. Die Schneebeseitigung, die es in der letzten Saison nun gar nicht gab, lässt man sich auch pauschal vergüten und ruft dabei stolze Summen auf.

Man kann darüber nachdenken, in welchem Kurs die Handarbeit überhaupt noch steht, denn der vielberufene Trend geht angeblich zur Digitalisierung. Gerade im häuslichen Bereich helfen einem die Bits aber nicht viel weiter. Man kann zwar seine Kaffeemaschine per Telefon einschalten, aber falls es da zur Sauerei kommt, weil keine Tasse drunterstand, muss man dann doch zum gänzlich undigitalen Scheuerlappen greifen. Könnte es in naher Zukunft nicht so sein, dass diese Scheuerlappen, die Rohrzange und die Heckenschere wichtiger werden als alle Bits und Bitcoins der Welt? Orientieren wir unsere Kinder richtig, wenn sie auf den Bildschirmen Blut fließen lassen, das freilich keiner aufwischen muss, steht nicht die ganze Intellektualität und Verwissenschaftlichung schon längst dringend in Frage?

Auch bei den vermeintlich einfachen Tätigkeiten ist Überlegung notwendig und nicht zuletzt dann Tatkraft. Eine Maschine kennt in der Regel keine Faulheit. Sie richtet nicht selten auch gänzlich unsinnige Schäden an. Eine sorgsame Hand bringt ungleich mehr Ansprechendes hervor und ein schlichtes Gemüt kann für mehr Schönheit sorgen als jede saugrobo­tergerechte Einrichtung, ganz abgesehen davon, dass es bis heute nicht gelungen ist, etwas Vernünftiges dem Tätigsein gegenüberzustellen.

Also besinnen wir uns auf der Hände Arbeit.

Christian Rempel in Zeuthen, den 14.4.2018

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