Beecher-Stowe, Harriet
Dez. 2011
Erstausgabe:1852
3423140607
dtv
Rezension
Höhepunkt amerikanischer Kultur
Der damalige Präsident Lincoln soll Harriet Beecher-Stowe mit den Worten empfangen haben: “Sie sind also die kleine Frau, die diesen großen Krieg hervorgerufen hat.” Gemeint war der amerikanische Bürgerkrieg 1861-65, bei dem die Sklavenfrage eine entscheidende Rolle spielte. Auf Krieg war die aus einem Pfarrerhaushalt stammende Autorin sicher nicht aus, hatte doch auch mit ihren zahlreichen Kindern und an der Seite eines lehrenden Theologen genug zu tun, aber es ist nicht ganz unzutreffend, dass ein Gutteil des moralischen Kapitals in diesem Kriege aus diesem Roman stammte. (weiterlesen …)
Hansen, Walter (Herausgeber)
Dez. 2011
ISBN10: 3423140615
Verlag: dtv
Rezension
Ratlos vor dem Scharfsinn einer vergangenen Epoche
ein Vogel federlos
Wer zum Teufel denkt bei einem Vogel federlos an eine Schneeflocke, die einer Jungfer mundlos zum Opfer fallen soll, die dann wohl unser Zentralgestirn ist. Ohne die letzten vier Seiten, die die Lösungsworte enthalten, wäre man rettungslos verloren, man bekäme höchstens eine Handvoll der Rätsel heraus. Zu Goethes und Schillers Zeiten muss das eine Manie gewesen sein, die da schon einige Jährchen auf dem Buckel hatte, dann aber abflaute. Dem Herausgeber zufolge lag das an einer Verflachung der Rätsel. Heute läge das daran, dass man gar nicht mehr so vertraut ist mit den Wortbedeutungen und schon gar nicht mit deren Umschreibungen. (weiterlesen …)
Siebzehn Silben Ewigkeit
Thériault, Denis
2011
ISBN: 3423247436
Verlag: dtv
Rezension
Hier lernt man was dazu
Autor
Der 1959 geborene Denis Thériault lebt in Montreal. Eigentlich ist er Conférencier und Schauspieler und ist erst seit relativ kurzer Zeit literarisch tätig. Für das besprochene Buch erhielt er einen kanadisch-japanischen Literaturpreis. Eine eigenständige Leistung stellt die Übertragung ins Deutsche dar, die Saskia Bontjes van Beek besorgte.
Bildungslücke
So einfach die japanische Gedichtform, die sich Haiku nennt, auch ist, so stark ist auch deren Beschränkung auf siebzehn Silben in drei Zeilen, die sich per se nicht reimen dürfen und meistens der Naturbetrachtung gewidmet sind und zudem „fueki“ – Ewiges und „ryoko“ – flüchtig Veränderliches enthalten sollen. Auch ein kompletter Briefwechsel, der nichts weiter enthalten darf als diese Dreizeiler, hat einen Namen und heißt „Renku“. (weiterlesen …)
„Du hast zwar nicht viel Mitleid mit mir, aber ich leide wirklich erstaunlich.” HvK
C.R. 2. September 2011
Es gibt zwei Möglichkeiten, dass man Kleist mag: man möchte mit künstlerischen Mitteln alles anders machen oder gemacht sehen als die Klassiker, ohne ein Romantiker werden zu müssen, oder man ist weiblichen Geschlechts und ist für seine wunderbaren Briefe entflammt, denn Kleists eigentliche, sperrigen Werke sind nicht fürs schöne Geschlecht gedacht, sondern für Männer gemacht, wobei er allerdings „Gewalt über das Gemüt der Zuschauer zu gewinnen versucht, die verschreckt“ (ein ideales Instrument also heutiger Kunstmacherei). Ein Kriegstreiber – urteilte Peter Hacks, und Jens Bisky, der Sohn eines bekannten Politikers, wählt eine dritte Möglichkeit, die wir oben vergaßen und schreibt sich ins bundesdeutsche Feuilleton, wo er es inzwischen bei einer renommierten Zeitung zum leitenden Redakteur gebracht hat. Sein Werk „Kleist – eine Biographie“ ist eins von ungefähr vier, die sich vom Sprungbrett des 200. Jahrestages des Selbstmords Kleists zu Nachruhm aufgeschwungen. (weiterlesen …)
Wie Blei hat sich der Staub auf die gesammelten Werke von Gerhart Hauptmann gelegt, die, selbst Blei, in vier Systemen erschienen sind, angefangen vom Kaiserreich, dem dritten und dann in Ost und West. Wir hatten uns ja vorgenommen „Der Narr in Christo Emanuel Quint“ zu lesen, und es zeigte sich, dass dieser verfängliche Roman auch in der DDR erschienen ist und sogar in den rigiden Fünfzigern, wo man doch im Neuaufbau einer unreligiösen Gesellschaft begriffen war.
Hauptmann muss schon 1889 unter dem Eindruck des Besuches psychiatrischer Einrichtungen in Zürich einem Laienprediger begegnet sein, der die zum Pfingstfest am Züricher See Lustwandelnden zur Umkehr und zur Besinnung aufforderte. Pathologisches hatte es dem Dichter ja schon in seinen Dramen angetan und so lag es nahe, diesen Eindruck mit ins heimatliche Schlesien zu nehmen und dort einen solchen Narren anzusiedeln, der sich eines Tages auf die Strümpfe macht, um zu predigen. Seltsamerweise ist er aber nicht darauf aus, Anhänger zu gewinnen, was allerdings nicht ausbleibt, sondern will nur ganz persönlich ein Beispiel geben, wie man Gott dienen kann, wenn man sich nämlich totaler Selbstlosigkeit befleißigt. (weiterlesen …)
Auch dem Gedanken der deutsch-russischen Freundschaft verbunden ist man am MGH, da doch viele noch aus dem jetzt fernen weiten Land hergereist sind, das unter anderem den hervorragenden Schriftsteller Fjodor Dostojewski (1821-1881) hervorbrachte. Was in der Seele an Subtilem schlummert, er brachte es dramatisch zu Papier, auch wenn es sich manchmal um scheinbar banale Geschichten handelt, wie sie jedermann passieren können, und er widmet sich meistens Außenseitern (Idiot, Spieler, Pfandleiher).
Was Ilja Pletner auf die Bühne brachte, die eigens im MGH improvisiert wurde, ist selbstgeschrieben, selbstinszeniert, selbst ausgestattet und selbst brillant gespielt. Die Gewissensnöte des Pfandleihers, der die Sanfte sein eigen nannte, werden auf, neben und unter einem Tisch ausgetragen, der sowohl den Ladentisch dieses dubiosen Geschäfts als auch einen Gute-Stuben-Tisch darzustellen vermag. (weiterlesen …)